Reißlinien

Vom Zugriff der Zeichnung auf die Wirklichkeit

Fritz Emslander

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(De)Montagen

Um den revelatorischen Charakter des Zeichnens bildhaft zu umschreiben, hat Merleau-Ponty von der Zeichnung als einer »bestimmten Bohrung« gesprochen, »die im An-Sich durchgeführt wird«. [...] Mittlerweile wurde das Repertoire der zeichnerischen Techniken durchaus um die Bohrmaschine erweitert – man denke an Craig Woods oder Martin Schmids »wall tattoos«. [...]

Stefan Sous greift zunächst zum Schraubenzieher. Bei seinen Installationen geht er von so genannten Explosionsdarstellungen aus dem Bereich der technischen Zeichnung aus. Explosionszeichnungen demonstrieren in Montage- oder Reparaturanleitungen den Aufbau von Maschinen. Die fiktive Explosion verläuft so kontrolliert, dass sich alle Einzelteile an vorgegebenen Achsen und gemäß ihrer Einbaulage und -reihenfolge ausrichten. Mit dem technischen Geschick des Monteurs demontiert Sous einen Fön [...] oder eine Kaffeemaschine, um sie sodann mit den Augen des Zeichners in dreidimensionale Installationen zu überführen, die uns überraschende Einblicke in das Innenleben von Alltagsgegenständen gewähren. Nicht mit dem spitzen Stift, sondern im wörtlichen Sinne und fachgerecht seziert er die Dinge, um ihre Einzelteile in ein räumliches Koordinatensystem von Fäden einzuspannen.

Die gebremste Dynamik dieses explosiven Aufrisses belässt die Dinge in einem Zustand der Schwebe, des Nicht-mehr- oder Noch-nicht-(wieder-)Ganzen. So zieht sich ein Riss durch unsere Wahrnehmung scheinbar vertrauter technischer Geräte, die in bisher ungesehener Komplexität und Fragilität erscheinen. Mit der Desintegration der Dinge korrespondiert der Zerfall unseres Bildes von ihnen, und Sous fordert den Betrachter auf, für sich die Konsequenzen zu ziehen: Reparatur oder Entsorgung?

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